Abstehende Ohren

Guten Tag, Herr Fuchs, es freut uns sehr, dass Sie Zeit gefunden haben, heute in unserer Sendung „Der besondere Gast am Sonntag“ aufzutreten. Sie haben ja einen bemerkenswerten Beruf, der heutzutage, leider, muss man vielleicht sagen, in die politische Weltlage passt. Sie sind Doppelgängerindentifakator. Sagen Sie, was macht ein Doppelgängeridentifikator?
Er identifiziert Doppelgänger.
Und das ist ein Beruf? Für wen arbeiten Sie denn in diesem Beruf? Bevor Herr Fuchs antwortet möchte ich die Hörer an den Radiogeräten draußen im Land darauf hinweisen, dass Herr Fuchs nicht der wahre Name unseres heutigen Gastes ist. Zwar ist er, nennen wir ihn weiter Herrn Fuchs, inzwischen im Ruhestand, nur deswegen gibt er dieses Interview, aber gewisse Vorsichtsmaßnahmen sind dennoch nötig. Wir werden, so hoffe ich, erfahren, warum. Wir dürfen gespannt sein. Also noch mal die Frage, die wie aus einem Agentenroman klingt: Für wen arbeiten Sie, Herr Fuchs?
Ich arbeitete für die verschiedensten Auftraggeber. Oft waren es große, internationale Organisationen. Ich will es nicht verschweigen, auch Geheimdienste waren darunter. Manchmal aber auch Privatpersonen oder Firmen.
Nun, wir können davon ausgehen, liebe Hörer, dass nicht jeder Mann von der Straße einen Doppelgängeridentifikator braucht. Aber ist es nicht z. B. so, dass auch die Polizei oder die Kriminalpolizei Ihre Dienste in Anspruch nahm?
Durchaus.
Erklären Sie uns doch bitte: Was haben Sie da so gemacht?
Nun, wie soll ich anfangen? Fest steht, dass ich irgendwann eine besondere Fähigkeit in mir entdeckte. Ich habe ein Gespür dafür, zu erkennen, ob ein Mensch er selbst ist. Bekannt waren ja die Beispiele von Saddam Hussein und Ghaddafi. Diktatoren haben fast immer Doppelgänger. Wegen der Gefahr von Attentaten. Aber wir müssen gar nicht so hoch greifen. Sie ahnen ja gar nicht, wie oft wir es auch im Alltag, bei Leuten, die wir zu kennen meinen, die wir im Fernsehen sehen oder bei Veranstaltungen, mit Doppelgängern zu tun haben. Was glauben Sie z. B. wie viele Bundestrainer Löw es gibt, oder wie viele Päpste Franziskus?
Binden Sie uns da nicht einen Bären auf? Das klingt mir doch sehr nach Verschwörungstheorie. Aber nehmen wir mal an, es stimmt. Damit ist immer noch nicht die Frage beantwortet, was Sie nun im Einzelnen machen, und vor allem, warum? Entschuldigen Sie, wenn ich so direkt frage: Helfen Sie Attentate vorzubereiten?
Ich bin kein Engel, und ich war kein Engel. Natürlich kann ich hier keine Einzelfälle nennen, das müssen Sie mir verzeihen. Ich weiß, ich begebe mich mit meiner Antwort auf schwankenden Boden, aber ich habe meine Gründe. Also, die Antwort lautet: Ja, so etwas ist vorgekommen. Ich habe dafür gesorgt, dass es den Richtigen trifft.
Das wirft ethische Fragen auf. Spielten Sie Schicksal oder immerhin Richter?
Man kann es so nennen. Ich war nicht stolz darauf. Und ich habe, wie gesagt, versucht dafür zu sorgen, dass es den Richtigen trifft. Drei Doppelgänger von Saddam Hussein haben durch meine Intervention überlebt. Das muss man auch mal sehen.
Und wer ist gestorben.
Saddam Hussein ist gestorben. Sie werden mich jetzt für verrückt erklären. Aber was meinen Sie, wie oft Präsident Obama schon gestorben ist.
Da haben Sie Recht, da fehlen mir als Reporter die Worte. Wie oft ist er denn schon gestorben.
Zweimal!
Uff. Das werden Sie mir natürlich hier und jetzt im Studio nicht beweisen können.
Nein, Sie müssen es mir glauben. Oder besser, Sie glauben es nicht.
Nun, lassen wir das erst mal so stehen. Ich nehme an, Sie arbeiteten nicht nur in Diktatoren- und Präsidentenkreisen. Wer gehörte denn noch so zu Ihren Zielpersonen?
Meist reiche Leute, denn nicht jeder kann sich einen Doppelgänger leisten. Durchaus auch Minister, Generaldirektoren, Schauspieler, Pop Stars, Geschäftsleute. Bei den Ministern und Direktoren ist die Identifikation übrigens einfach. Zu den Repräsentationsterminen wird der Doppelgänger geschickt, dorthin, wo etwas entschieden wird, geht die Zielperson selbst. Es gibt auch etwas skurrile Fälle der Doppelgängerschaft. Ich meine die Fälle, bei denen es nicht einen leibhaftigen Amtsinhaber gibt, sondern zwei. Vor einigen Jahren hat ein Oberstudiendirektor in einer Stadt hier in der Nähe es zu einem Direktorenposten eines großen Gymnasiums gebracht. Erst sehr spät wurde die Schulbehörde aufmerksam und hat mich beauftragt. Ich fand heraus: Es gab zwei Direktoren. Zwillinge. Die beiden hatten es fertig gebracht, sich die Arbeit seit ihrer frühen Jugend zu teilen. Darauf gekommen waren sie in ihrer Schulzeit. Beide hatten es nicht eingesehen, dass man jeden Tag in die Schule rennen muss. Also hatten sie sich die Wochentage geteilt. Die Eltern ahnten nichts. Beim Wechsel an die Oberschule hatten sie es irgendwie fertig gebracht, als eine Person angemeldet zu werden. Nun ging also der eine Montag bis Mittwoch in die Schule, der andere Donnerstag und Freitag. Weil ein Tag fehlte, musste der zweite auch die Sondertermine übernehmen: Klassenfahrten, Teilnahme am Musical und so weiter.
Das ist ja unglaublich! Und wie ging es mit denen weiter?
Nun, auf die gleiche Art bewältigten sie ihr Studium und legten alle Examina ab. Mal der eine, mal der andere. Jeder hatte die halbe Zeit frei. Ein riesiger Gewinn an Lebensqualität. Weil es in der Schule so gut gelaufen war, blieben sie in diesem Dunstkreis und wurden Lehrer. Jeder war als Halbzeit-Lehrer immer ausgeruht, fröhlich und belastbar. Deswegen stiegen sie schnell auf, wurden Fachleiter und, wie gesagt, später Direktor.
Entschuldigen Sie, wenn ich insistiere: Und wie ging es danach weiter? Wurden die beiden nach ihrer Entdeckung aus dem Dienst entfernt?
Keineswegs. Sie werden mir wieder schwerlich glauben. Aber so war es. Es gab interne Konferenzen in der betreffenden Schulbehörde, was zu tun sei. Eine Aufdeckung der Angelegenheit wäre vor der Öffentlichkeit nicht zu verheimlichen gewesen. Die Peinlichkeit wäre ungeheuer gewesen. Eine leitende Behörde, die sich dermaßen an der Nase herumführen lässt.
Lassen Sie mich raten: Man beschloss also gar nichts zu tun?
Exakt. Es gibt in unserem Bundesland daher immer noch eine Schule mit einem guten und bei Schülern und Eltern beliebten Direktor, der Montags bis Mittwochs da ist und einem, der den Donnerstag und den Freitag und die Sondertermine übernimmt. Beide sind wie damals zu ihren Zeiten als Schüler immer noch der Meinung, dass man nicht jeden Tag in die Schule rennen muss.
Unglaublich, einfach unglaublich. Ich habe noch viele Fragen. Je mehr Sie unseren Hörern erzählen, umso mehr Fragen habe ich. Aber jetzt müssen wir erst mal umschalten ins Studio zu den Nachrichten. Bleiben Sie uns gewogen, liebe Hörer, in fünf Minuten sind wir wieder bei Ihnen.

Eine Meldung, die hier im Wortlaut wiedergegeben wird:
Moskau: Nach bisher unbestätigten Gerüchten wurde ein Attentat auf den russischen Präsidenten Bilkow verübt. Fest steht, dass vor etwa zwei Stunden in einer Baracke einer Kaserne der südrussischen Stadt Rubelsk eine Bombe explodierte. Die Bombe sei getreu einem historischen Vorbild in einer Aktentasche eingeschleust worden. Präsident Bilkow soll sich zu dem Zeitpunkt zu einer Lagebesprechung in dieser Baracke befunden haben, weil er zu einem Truppenbesuch in den Grenzgebieten zur Ukraine weilte. Erste Reaktionen aus vielen Hauptstädten zeugen von tiefer Betroffenheit über dieses Ereignis von weltweiter Bedeutung. Bundeskanzlerin Moser ließ unmittelbar nach Erhalt der Nachricht in einem Kommuniqué verlauten, dass dies eine völlig unerwartete Katastrophe sei und sie sprach, für den Fall, dass die Gerüchte sich bestätigten, der russischen Bevölkerung ihr tiefes Mitgefühl über den Verlust des Präsidenten aus. Zur Stunde telefoniert Frau Moser mit dem amerikanischen Präsidenten. Es folgen weitere Nachrichten.

Nach weiteren drei Minuten unterbrach sich der Sprecher:
Soeben flattert eine Eilmeldung bei mir auf den Tisch. Präsident Bilkow hat überlebt und es geht ihm gut. In diesen Minuten befindet er sich im Studio eines lokalen Radiosenders in Rubelsk und hält eine Ansprache an die russische Nation. Nach ersten Meldungen hat er die Explosion der Bombe bestätigt, allerdings sei er zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in der Baracke gewesen. Außerdem äußerte er den Verdacht, ukrainische Terroristen könnten hinter dem Anschlag stecken.

Herr Fuchs, ich muss sagen, das ist heute alles starker Tobak. Zuerst berichten Sie uns hier in der Sendung „Der besondere Gast am Sonntag“ von ihren unglaublichen Erlebnissen als Doppelgängeridentifakator und gleich darauf hören wir in den Nachrichten eine Meldung, die wir getrost als Jahrhundertmeldung bezeichnen können. Ich weiß gar nicht, wie wir jetzt weiter machen sollen. Diese Nachricht eben wirft mich aus der Bahn unseres Interviews. Und, aber das wäre wirklich ungeheuerlich, irgendwie habe ich das Gefühl, dass beides zusammenhängen könnte. Ich meine, dass es einen Zusammenhang geben könnte zwischen unserem Gespräch hier im Studio und diesem Attentat im fernen Russland. Bitte sagen Sie mir, dass ich mich irre.
Sie irren sich nicht. Unser heutiger Gesprächstermin ist kein Zufall. Es hing alles von Bilkows Reiseplänen ab, die geheim waren, aber so geheim, dass unsere Dienste nicht dahinter kamen, auch wieder nicht. Zufällig würde der Präsident an einem Sonntag diese Kaserne besuchen und in diese Baracke gehen. Das passte gut zu Ihrem regulären Sendetermin.
Entschuldigen Sie den saloppen Ausdruck, liebe Hörer, aber mir bleibt die Spucke weg.
Ich werde Ihnen jetzt sagen, welchen Sinn dieses ganze Arrangement hat. Es dient dazu, vor aller Welt zu verkünden: Präsident Bilkow ist tot! Er ist in dieser Baracke an der Explosion gestorben und zusätzlich an dem Senfgas, mit dem die Bombe präpariert war. Niemand dort hat überlebt.
Und diese letzte Meldung eben?
Diese Meldung war falsch. Aber sie war erwartet. Der Mann im Radio ist ein Doppelgänger.
Uff. Ich muss sagen, Sie füttern uns nicht nur mit erstaunlichsten Neuigkeiten, Sie führen uns auch direkt ans Geschehen heran. Ich glaube kaum, dass es in der Vergangenheit eine Radiosendung gab, die derart unmittelbar in die Realität eingriff. Halten wir an dieser Stelle aber dennoch einmal inne. Wenn der russische Präsident nicht mehr unter den Lebenden weilt, wenn der Sprecher im russischen Radio also ein falscher Präsident ist, dann bleibt die Frage offen, wie Sie das mit letzter Sicherheit behaupten können. Das gilt auch für die anderen Fälle, die Sie uns geschildert haben: Wie machen Sie das? Wie können Sie das Original vom Duplikat unterscheiden?
Eigentlich wollte ich auf eine Sache hinaus, die uns in den nächsten Minuten betreffen wird. Aber gut, wir haben noch etwas Zeit, schweifen wir einen Moment ab. Sie fragen nach meiner Technik. Ich sage Ihnen, Kollegen meines Faches, die wenigen, die es gibt, und auch Spione und Agenten aller Couleur, sie richten sich nach Realien. Sie versuchen Merkmale aufzuspüren. Ein Präsident eines südostasiatischen Landes hatte als Kind zum Beispiel abstehende Ohren. Er ließ sich diesen Makel frühzeitig wegoperieren und besaß daher von hinten betrachtet zwei winzige längliche Operationsnarben. Die hatte sein Double nicht und diese Kleinigkeit fanden unsere Kundschafter heraus. Von nun an wusste man im Ausland, mit wem man es jeweils zu tun hatte. Was aber, wenn man in diesem Land frühzeitig auf dieses Unterscheidungsmerkmal gekommen wäre, wenn man es z. B. durch Glättung der Haut oder kleine Schnitte beim Double beseitigt hätte? Man hätte zwei äußerlich absolut identische Präsidenten gehabt. Und da komme ich ins Spiel. Bei mir ist die Fähigkeit zur Empathie überentwickelt. Das klingt vermessen, ich weiß. Ich will nicht eingebildet wirken, aber wie soll ich es anders erklären? Ich schaue einen Menschen an und ich weiß, wer er ist. Der echte Präsident ist sich bewusst, dass er der echte ist. Der Unechte weiß, dass er unecht ist. Und diese Befindlichkeiten spüre ich auf. Ich schaue, wie gesagt, und ich weiß. Wie das im Einzelnen funktioniert? Ist es Telepathie? Sind es winzigste Signale im Sprechen und Verhalten? Ist es gar eine Art Strahlung? An der Stelle hört meine Kenntnis auf. Nur eins weiß ich: Ich habe mich noch nie geirrt. Und da komme ich wieder auf unseren aktuellen Fall. Der Mann, der da im Radio spricht, heißt Anton Rubiczek, er ist Russe mit polnischen Wurzeln und er wurde seit einem Dutzend Jahren für diese Rolle präpariert. Seine Identität habe ich herausgefunden, seine Biographie deckten andere auf. Seit etwa zwei Monaten war klar, was passieren würde. Und es ist noch nicht zu Ende.
Wie meinen Sie das „es ist noch nicht zu Ende“? Ich bin etwas verwirrt. Wenn ich falsch liege, bitte korrigieren Sie mich. Nehmen wir an, diese ungeheuerlichen Dinge treffen zu. Dann wären Sie, Herr Fuchs, mit der heutigen Sendung vor aller Welt der Mann, der mithalf, den russischen Präsidenten zu ermorden. Und, wenn ich mir recht überlege, mehr noch. Sie wären auch derjenige, der den Versuch unterband, das Attentat zu vertuschen und der Welt aus der Not heraus einen zweiten Präsidenten als echt vorzuführen. Nach Ihren Motiven und Auftraggebern will ich jetzt gar nicht fragen. Aber wie, um Himmels willen, wird das denn weiter gehen?
Meine Auftraggeber darf ich Ihnen natürlich nicht nennen, da haben Sie Recht. Aber so viel will ich doch verlauten lassen, dass sie nicht aus dem westlichen Lager stammen. Also weder USA noch ein Nato-Land. Nun können wir ganz ruhig sein. Meine Aufgabe ist erledigt. Dass ich Gelegenheit hatte, dies eben alles zu sagen, das war der Punkt. Ich dachte schon, ich komme nicht mehr dazu.
Wie meinen Sie das? Fühlen Sie sich etwa bedroht?
Ich weiß, dass ich bedroht bin. Leid tut es mir nur um Sie. Sie sind ein guter Reporter und Interviewer. Wenn alles vorbei ist, verzeihen Sie mir bitte … falls Sie überleben. Es ging nicht anders. Vielleicht bleiben uns noch ein paar Sekunden. So will ich noch sagen: Bei der Planung dieser Sache lief nicht alles glatt. Die Gegenseite bekam davon Wind. Sie nahmen mich ins Visier. Wir wurden in die Enge gedrängt. Um die Lage noch zu retten, blieb nur ein heißes Eisen, das wir sonst niemals anfassen: die Flucht in die Öffentlichkeit. Die Weltgeschichte wird mit dem heutigen Tag eine andere Richtung nehmen. Dass diese Richtung etwas mehr im Sinne unseres politischen Lagers ist, daran waren wir beteiligt. Es könnte uns stolz machen. Und nun kann die Bombe platzen.
Die Hörer an den Radiogeräten zu Hause, diejenigen auf den Stadtstraßen und Landstraßen und Autobahnen, auch diejenigen in Krankenhäusern und Feuerwehrhäusern, all die Hunderttausende, die landesweit mit wachsendem Entsetzen die Sendung verfolgt hatten, hörten keine Bombe. Sie hörten keinen Knall. Sie hörten gar nichts mehr. Das Radiosignal brach einfach ab. Eine Sekunde lang kam leises Knistern aus den Lautsprechern, dann war auch das vorbei.
Und die Welt fiel in eine große, angstvolle Stille.


© Wolfgang Rill 8/2014



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